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Die seit vielen Jahren geleisteten Beiträge an Hausrestaurierungen und Ähnlichem wandelte der Baselbieter Heimatschutz seit 1992 in den jährlich zu vergebenden Heimatschutzpreis um, mit welchem eine breitere Öffentlichkeit erreicht wird. Wurden anfänglich vor allem Einzelobjekte prämiert, so erstreckt sich die Spanne heute auch auf Strassenräume und Ortsplanungen.
Das Ziel unserer Prämierung ist es, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren für einen differenzierten Umgang mit dem substantiell Vorhandenen und dem zu Planenden. Wir fühlen uns sowohl der Geschichte - dem Alten - wie auch der Zukunft - dem Neuen - verpflichtet. Deshalb wollen wir Bauherrschaften, Gemeinden, Planungsbüros loben für sehr gute Arbeit oder auch dafür, dass sie von durchgreifenden "Lösungen" absahen. Es soll ihnen und einer weiteren Öffentlichkeit mit den prämierten Bauten Mut gemacht werden, so weiterzufahren.
 
   


Prämierung 2009: Freidorf Muttenz

   

Das Freidorf mit Genossenschaftshaus entstand 1920 - 1924 nach Entwürfen des Architekten Hannes Meyer (*1889 †1954) und seines Mitarbeiters Architekt Rudolf Christ (*1895 †1975). Wir können feststellen, dass schon während der Planung der Heimatschutz diese wegweisende Siedlungsidee beachtete! In der Zeitschrift "Heimatschutz" 1919, Nr. 5 findet sich der Aufsatz "Neue Siedlungen". Es wurde die "Vogelschauzeichnung" des Freidorfes als Beispiel eines grosszügigen und rationellen Bebauungsvorschlages hervorgehoben.
Das Freidorf wird auch als "Gartenstadt" bezeichnet. Die Gartenstadtbewegung entwickelte sich in England. In Basel wurde Ende des 19. Jahrhunderts die "Wohnungsfrage" als soziales Problem immer aktueller. So forderte z.B. der Architekt Hans Day in einer Schrift "Arbeiterhäuser" 1893 die Abkehr von "mehrstöckigen Kasernenhäusern". 1912 wurden die Ergebnisse des Wettbewerbes "Kleinhäuser für Arbeiter und Angestellte" publiziert. Die "St. Jakobsstiftung der Safranzunft" war für dieses Engagement verantwortlich. Der Wunsch nach preiswertem Bauen förderte die Typisierung der Grundrisse, was zu einer gewissen Vereinheitlichung des Ensembles führte. Damit manifestierten sich auch genossenschaftliche Ideen. Grosse Schwierigkeiten bereitete schon damals die Suche nach preiswertem Bauland, tunlichst in Stadtnähe mit Tramverbindung. Eine Zusammenarbeit mit den kantonalen Behörden, insbesondere bei Planungsfragen, erschien immer wichtiger.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die Idee zur Planung des Freidorfes. Eine bedeutende Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Sozialreformer Johann Friedrich Schär (*1864 †1924). Unter dem Eindruck wachsender sozialer Spannungen sah Schär in der Verwirklichung der Freidorf-Idee ein wichtiges "Mittel zur Überwindung des Kapitalismus". In einem Aufsatz, der 1922 in der Schrift "Die Bodenreform" erschien, stellte er fest: "Freidorf soll eine Vollgenossenschaft werden, ein leuchtendes Vorbild für die Um- und Neugestaltung der gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit." Dadurch entstünde auch "...eine sittlich-religiöse Erneuerung zur Niederkämpfung der Selbstsucht und des Ehrgeizes, der ärgsten Feinde der Genossenschaft." Ein wichtiger Mitkämpfer war Rudolf Kündig (*1857 †1923), der den Namen "Freidorf" kreierte. Eine besondere Rolle spielte auch Bernhard Jäggi (*1869 †1944), Verwalter und Präsident im Verband Schweizerischer Konsumvereine Basel. Er wurde mit dem Namen "Freidorfvater" geehrt.

Welche Stellung nimmt das Freidorf stilgeschichtlich bzw. in der Architekturgeschichte ein? Es wird heute von den Kunsthistorikern als "neoklassizistische Siedlung" bezeichnet. Zeitgenossen lobten die "Bodenständigkeit". Die Zeitschrift "Das Werk" schrieb 1925 von einer "Grossstadt an unserem Volkstum" und von "aktiver Heimatpflege". Nun sei daran erinnert, dass 1919, während der Planung des Freidorfes, in Weimar durch Architekt Walter Gropius (*1883 †1969) das Bauhaus gegründet wurde. Er konzentrierte sich auf die industrielle Fertigbauweise und wurde zum Pionier der Stahlskelett- und Plattenbauweise. Nach der Verlegung des Bauhauses nach Dessau wurde Hannes Meyer 1927 Nachfolger von Gropius. Meyer wird in diesem Zusammenhang als ein Vertreter des "extremen Funktionalismus" bezeichnet. Schon 1926 vertrat er bei einem Wettbewerb für die Petersschule in Basel gemeinsam mit Architekt Hans Wittwer diesen Flachbau-Funktionalismus. Man darf sagen, dass sich bei dem Wettbewerb zwei Fronten gegenüber standen: Hannes Meyer, Paul Artaria und Hans Schmidt mit "Bauhaus-Architektur" und jene Architekten, die mit konservativer Formgebung - nach Ansicht der Jury - die unmittelbare Nachbarschaft der Peterskirche berücksichtigten. So erhielt Hans Mähly, Vertreter eines schlichten neoklassizistischen Stiles den 1. Preis. Wenn wir nun das Freidorf stilistisch mit den unmittelbar darauffolgenden Werken Meyers vergleichen, so könnten wir von einem gewissen Stilbruch sprechen. Im Freidorf kommt die Mitarbeit von Rudolf Christ deutlich zum Ausdruck! Christ baute nach einem gewonnenen Wettbewerb 1932 - 1936 das Basler Kunstmuseum. Es zeigt mit der achsialsymmetrischen Rundbogen-Fassade einen strengen klassizistischen Stil. Es kann deshalb rein formal wie beim Freidorf von einer konservativen Haltung gesprochen werden.
In diesem Zusammenhang sei ein in der Regel ausgeklammertes, sehr heikles Thema der Architekturgeschichte berücksichtigt, weil es in die Zeit der Freidorfplanung fällt. In die 20er und 30er Jahre fällt eine tragische Verpolitisierung künstlerischer Leistungen, die mit dem Beginn des Nationalsozialismus aufkommt. Bei der Erbauung des Kunstmuseums warf man Christ einen faschistischen Einfluss vor! Wegen politischer Auseinandersetzungen entstand zwischen Meyer und Christ schliesslich eine Kluft. Meyer wurde ein "destruktiver Nihilismus" vorgeworfen und Christ eine "faschistische" Haltung. Die wahren Qualitäten ihrer Leistungen, die z.B. in der richtigen Anwendung der jeweiligen Baumaterialien, überzeugenden und wegweisenden Erfüllung eines Raumprogramms, Einfühlung in das jeweilige Baugelände usw. wurden oft bei diesen Beurteilungen vernachlässigt.
Wenn wir alle Fakten gerecht berücksichtigen, kann die wegweisende Sonderstellung nicht geleugnet werden. Auf die architektonischen und räumlichen Qualitäten wies 1972 schon der Denkmalpfleger Hans Rudolf Heyer hin. Georg Germann machte im Artikel "Anfänge von sozialem Wohnungsbau" in "Unsere Kunstmäler" 1973, Nr. 1 auch auf die historische Sonderstellung aufmerksam. Zur gleichen Zeit würdigte zudem Jacques Gubler die architektonische und soziale Bedeutung des Ensembles. Ausgelöst wurden diese Überlegungen, weil der Bestand des Genossenschaftshauses bedroht war. Es wurde darüber diskutiert, das Freidorf unter Denkmalschutz zu stellen. Das Bauinventar des Kantons Basellandschaft hat unter "Gemeinde Muttenz" das Freidorf 2006 aufgenommen. Darin beschreibt Claudio Affolter die gesamte Anlage mit Genossenschaftshaus sowie die bis heute weitgehend erhaltenen Details. Es sei daraus zitiert: "In einem dreieckigem Grundstück sind 150 Wohneinheiten als unterschiedlich lange Wohnzeilen streng orthogonal aufgereiht. Ein Mittelweg mit zentralem, rechteckigem Rasenplatz teilt das Grundstück in zwei Hälften. Neben dem Rasenplatz liegt das Genossenschaftshaus. Ein schmaler begrünter Rasenstreifen trennt die Häuser von den Verbindungswegen. Rückseitig breiten sich die Nutzgärten aus. Die Gärten sind mit Staketenzäunen respektive mit Mauern längs der Hauptstrasse begrenzt." Neben Publikationen der Denkmal- und Heimatschutzkommission BL und der kantonalen Denkmalpflege (2008) sei auch ein spezieller Artikel zum Genossenschaftshaus von Dieter Schnell genannt. Er würdigt in der Zeitschrift "Kunst + Architektur in der Schweiz" GSK 2009, Nr. 1 dieses Bauwerk als "neue Bauaufgabe im 20. Jahrhundert".
Nun sei daran erinnert, dass schon 1919 der Heimatschutz diese Pionieridee anerkannte. Wir wollen mit unserer Preisverleihung alle Bestrebungen stärken, welche sich für die Erhaltung des Freidorfes in Gesamtheit seiner Eigenart einsetzen.

Othmar Birkner

 

 

 
   

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